Künstlermanifest

Künstlermanifest

Künstlermanifest
Alexander Platz
Bildender Künstler – Fotograf – Autor
-Berlin- (English Below)

War das Künstlersein ein Kindheitswunsch?

Nein, ich war früher ein erfolgreicher Polizeibeamter mit einer Karriere und sehr guten Zukunftsaussichten. Konflikte hatte ich keine. Eher einen Zukunftsplan.

Bis mich am 26. Juni 2000 ein dienstliches Ereignis aus meinem bisherigen Leben riss und alles veränderte. Im Rahmen der Auswertung von filmischem Beweismaterial sah ich, wie Menschen andere Menschen auf bestialische Weise umbrachten. In diesem Moment verlor ich all meine positiven Emotionen, meine Träume, jegliche Wärme. Ich stumpfte ab. Ich spürte nur noch eine tiefe Kälte und Überlebensangst. Nach außen versuchte ich die Fassade aufrechtzuerhalten, aber es gelang mir immer weniger.

Ich habe eine Charaktereigenschaft, die ein Segen ist. Ich kann eine zutiefst emotionale dramatische Situation durchleben, während meine Ratio gleichzeitig versucht, das Erlebte einzuordnen und zu kanalisieren. Trotzdem war das traumatisch Erlebte zu stark und überforderte „mein System“. So hatte ich viele Fragen an mich selbst.

Eine Antwort gab mir die Diagnose: „Chronische Posttraumatische Belastungsstörung“.

Das „typische Trauma“ von Angehörigen der Polizei, der Armee, der Feuerwehr und vielen anderen mehr. Durch diese Antwort hatte ich einen Ansatz, die Dunkelheit aufzulösen. Meine Suche nach Lösungen begann.

Nach einiger Zeit versuchte ich mich zusammenzureißen und ging wieder zum Dienst. Niemand wusste oder verstand, was ich durchmachte und ich wusste nicht wie ich mich ausdrücken sollte, denn in meinem Inneren rebellierte mein Unterbewusstsein. Ich sah keinen Ausweg.

2004 kam ich dann durch meine damalige Freundin –  sie war auf ihre Art eine „Outsiderin“ und gab nicht viel auf gesellschaftliche Konventionen – zur Fotografie.
Die Kamera verschaffte mir die Möglichkeit, mich auszudrücken. Innerlich tot, wollte ich zurück ins Leben.
Jedes Bild half mir dabei. Ich fotografierte wie besessen und war nur an den Emotionen und den dargestellten Geschichten interessiert.

Ich suchte weiter Antworten auf meine Fragen. Wie ein Wanderer, der in einer unwirtlich feindlichen Landschaft nach Orientierungspunkten Ausschau hält.

Einen solchen Punkt fand ich, als ich die Fotografen und Maler aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg für mich entdeckte. Otto Dix und viele andere. Ihnen fühlte ich mich verbunden, hatten doch ihre in der Kunst verarbeiteten Erlebnisse ebenfalls mit Krieg und Gewalt zu tun. Diese Künstler zeigten mir einen neuen Wegabschnitt. Auch den Surrealisten, die sich in ihren Arbeiten mit dem Unterbewussten beschäftigten, und den Dadaisten mit ihrem Zerrbild der Realität, fühlte ich mich nahe.

  

Links: „Escaping Metropolis – 2012 Rechts: „DADA – 2019 Model: Fräulein Fuchs

Auf philosophischer Ebene wurden mir die Schriften von Roland Barthes und Susan Sonntag wichtig.

Und mit der Zeit begann ich, den Wesenskern von Kunst und Fotografie zu begreifen und seine Bedeutung für mich.

Ich begann meine innere Angst vor den indirekt erlebten grausamen Toden und damit meinem eigenen Tod zu begreifen. Ich wollte nicht weiter ein „lebender Toter“ sein, sondern hegte den Wunsch zu „leben“.

Der künstlerische Weg brachte wieder Licht und Leben in meine Welt. Meine Bilder waren kraftvoll und doch bedrückend.

Es war der Beginn eines neuen Abschnittes. Mein eigener innerer „Jakobsweg“. Den man geht, egal wie lange es dauert, denn am Ende wartet die „Kathedrale von Santiago de Compostela“ in all ihrer Schönheit und Ruhe als Belohnung.

Allerdings wurde damit nicht alles sofort wieder gut. So leicht machte es mir das Trauma nicht.

Neben dem inneren Konflikt musste ich mich auch physisch ausdrücken; KitKat, einer der besten Techno Clubs Berlins, wurde zu meiner Tanzfläche. Viele Jahre tauchte ich, ekstatisch tanzend, in die Musik ein.

Allein mit mir selbst unter vielen kam ich anderen und mir selbst wieder näher.

Ich hatte das große Glück, diesen Club zu finden, in dem ich viele andere „Partygänger“
traf, darunter auch Leute aus der LGBTQ-Gemeinschaft.
Viele sind immer noch meine Freunde und Kollegen. Die gemeinsamen Gespräche und Erlebnisse inspirierten und inspirieren meine künstlerische Auseinandersetzung und das, was ich ausdrücken möchte.

Inzwischen habe ich mein eigenes Wohnungsatelier, in dem ich fotografiere oder an Projekten arbeite. Leben und Kunst als Einheit.

Ich arbeite hauptsächlich mit Frauen zusammen und wir versuchen, die vorgegebenen Themen gemeinsam zu interpretieren.

Das Ergebnis sind meist sehr emotionale Fotos, die Kraft, Haltung und Persönlichkeit ausstrahlen.

Irgendwann stieß ich im Internet auf die Fashionshows von Alexander McQueen. Diese Kombination von Konflikten, Schönheit und Ästhetik beeindruckten mich zutiefst.

Seine Arbeiten, die surrealistischen ikonischen Fotografien des britischen Fotografen Tim Walker und der Set Designerin Shona Heath beeinflussten meine Arbeit immens und wurden zu einem wichtigen Wendepunkt in meiner künstlerischen Entwicklung.

Ich wollte so viel wie möglich auf diesem Weg sehen, lernen und begann ein Selbststudium.

Wieder waren es Frauen, die mich beeindruckten.

Ich bin fasziniert von dem künstlerischen Genie von Diana Vreeland, Franca Sozzani oder Grace Coddington, Moderedakteurinnen und Stylistinnen. Sie haben Fotografen und Fotografinnen dazu inspiriert, großartige, künstlerische Bilder zu erschaffen.

Mit diesem Wissen im Kopf und Herzen nahm ich dann an der nächsten Weggabelung den Abzweig der

„Surrealistic Upcycling Fashion Photography“.

„No Title“
2021
MaH: Isabel Fink
Model: SofiKa

 

 

 

 

 „No Title“ 2020 – Model: Karina

In ihr konnte ich mich völlig anders ausleben. Es gibt keine Grenzen und keine Regeln. Ich kaufte alte Hochzeitskleider und veränderte sie nach meinen Ideen und Inspirationen.

So machte ich nicht nur Fotos. Durch die „Hochzeitskleider und Sets“ entstand eine viel tiefere Ebene meiner künstlerischen Arbeit.
Am Ende materialisieren sich so zwei Kunstwerke statt einem. Nicht nur ein Foto. Sondern auch ein Kleid, das einzigartig ist.

 

Links: No Title“ – 2021 – Model: Magdalena

Rechts: „No Title“ – 2021 – Model: Tamara

Über die  Jahre habe ich durch zahlreiche Projekte und mein fortwährendes Selbststudium meine Techniken verfeinert. Meine Bildsprache änderte sich mit diesen Techniken und dem Verständnis dessen, was mich antrieb und immer noch antreibt. Neben meiner bildlichen Arbeit schreibe ich inzwischen auch Kurzgeschichten, zumeist Thriller, die sich mit den menschlichen Abgründen beschäftigen. Allerdings und das lässt mich selbst manchmal über mich selbst lachen, ich kann Psychothriller Movies nicht anschauen. Sie sind mir einfach zu „creepy“.

Alle Bilder und Projekte symbolisieren meinen Konflikt, diese ganz persönliche Suche nach Leben, nach Gefühlen und Glück.

Die Ergebnisse zeige ich gerne und tausche mich darüber aus. Orte dieses Austausches sind das Internet, meine Publikationen, meine Ausstellungen und meine Vorträge über Kunst.

Die Triebfeder meiner Suche, das Trauma, hat mich zwar immer noch fest im Griff, doch die Bildende Kunst hilft mir, mich auszudrücken und zu verarbeiten.

Künstlersein war zwar nicht mein Kindheitswunsch, der Weg dahin steinig, aber das „Licht am Ende des Tunnels“ leuchtet schon viel heller und verlockender.

Und das ist eine schöne Perspektive.

Alexander Platz

Referenzen:

– 2005 Ausstellung „Körperkult“ in diversen Sportstudios in Berlin

– 2007 bis 2008 Projekt und Presse Fotografie in Friedrichstadtpalast Berlin

– Veröffentlichung im „brennpunkt“ (Galerie Magazin in Berlin) 02/09

– Ausstellung „Verdrehte Realität“ 23.05.2009 Theaterdock Kulturfabrik Moabit; Berlin Mitte Tiergarten

– April 2011 bis Mai 2011 Ausstellung mit dem  BLF e. V. in Berlin

– 04. Juli bis 02. September 2011 Ausstellung“Frauen“ in Berlin

– April 2011 veröffentlicht im „brennpunkt“ (Magazine)

– 03.11.2012 – 02.01.2013 Ausstellung“Berlins kreative Gesichter“ Cafe Berio, Berlin

– April 2016 Veröffentlichung im Journal „Deutscher Verband für Fotografie“

-Februar 2018 Ausstellung „Thats my Work“

-November 2018 Ausstellung „One Day in Berlin – Meet your Friends“

– Januar 2019 Essay „Muse Abused“ – „brennpunkt“ Magazin

– April 2019 Essay „Künstliche Intelligenz 2019 – Fotograf überflüssig?!“ – „brennpunkt“ Magazin

– November 2019 Ausstellung „Thats my Work 2.0“

-Verschiedene Wettbewerbs Preise

Artist Manifesto
Alexander Platz
Bildender Künstler – Fotograf – Autor
-Berlin-

Did I want to become an artist when I was a child?

No, I used to be a policeman with a career and without question a great future ahead.
However, on the 26th of June 2000 something happened at work, which changed my life.
While evaluating evidence from video material I saw how brutally people could kill each other.

This made me lose all my positive emotions, dreams and human warmth. Everything went grey and cold and for the first time I felt an existential angst. I tried to stay positive but this became increasingly difficult.

When I experience deep emotional and dramatic situations, my sense of reason categorizes and channels them simultaneously. This character trait has been a blessing for me. However, I still had great difficulty coping.

I asked myself many questions about how I was feeling but the official diagnosis: “Chronic posttraumatic stress disorder” a typical occupational illness of police officers soldiers and firemen/women, pushed me to get out of the darkness and look for a way out.

After a while, I tried to pull myself together and went back to work. No one knew what I was going through and I didn´t know how to express myself. Deep down inside my subconscious rebelled and I couldn´t see any way out.

In 2004, my girlfriend at the time, an outsider who didn´t conform to societal norms, introduced me to photography. The camera gave me a new way to express myself. I was dead inside but wanted to get back to life and each photo I took helped me. So, I took photos like a man possessed and was only interested in depicting emotions in my work.

I continued looking for answers like a wanderer looking for a landmark and found them in the works of post world war 1 photographers and painters. I felt connected to Otto Dix whose work dealt with war and violence. I also felt drawn to surrealist and their interest in the subconscious and dadaist with their distorted images of reality.

Left:  „Escaping Metropolis“ 2012 50 cm x 50 cm
Right: „DADA“2019 50 cm x 50 cm Model: Fräulein Fuchs

The writings of Roland Barthes and Susan Sonntag also influenced me.
So, as time went by I began to understand the essence of art and photography and it´s deeper meaning.

I also began to understand my innermost fear of becoming the living dead and my wish to live.

Photography brought back light to my world. My pictures were powerfull and oppressive.
However, that did not make everything better immediately. My trauma did not make it that easy for me.

After all I was only at the beginning of my personal “Jacobsweg” which one follows however long it takes, knowing that the “Cathedral of Santiago de Compostela” awaits peacefully in all it´s beauty.

Besides the internal conflict, I also had to physically express myself. Kitkat, one of Berlins top techno clubs became my dance floor so I went there for many years and immersed myself in ecstatic dancing.
Finally I started to feel again and in my solitude I got closer to myself and others. I was very lucky to find this club where I met many other “party people” including people from the LGBTQ community some of whom are still friends or colleagues.

I now have my own atelier where I live, take photos and develop new projects. Life and art in one.
I mainly work with women and we try to interpret the given themes together. This usually produces very emotional photos which exude power and attitude.

Furthermore, the combination of conflict, beauty and esthetics in Alexander Mcqueen´s fashion shows, the surealistic iconic photography of the british photographer Tim Walker and the set designs of Shona Heath influenced my work greatly and became a major turning point in my story and dealing with my emotions.

I started to study on my own in order to see and learn more and once again women made an impression on me.
Diana Vreeland, Franca Sozzani and Grace Coddingtion who are fashion editors and stylists fascinate me and have inspired many photographers to create great artistic work.
With all this in mind I moved on to the next stage:

”Surrealistic Upcycling Fashion Photography”.

„No Title“ 2021 MaH: Isabel Fink Model: SofiKa

This inspired me to create more openly, without limits or rules.
I bought wedding dresses and redesigned them following my own ideas and inspiration. So, besides photos; I was creating dresses, sets and discovering more about my artistic talents. The end result was two separate works of art: Photos and unique dresses.
( „No Title“ 2021 – Model: Karina)

 

 

 

 

 

 

 

Left Picture
„No Title“ – 2021 – Model: Magdalena
Rigth Picture
„No Title“ – 2021 – Model: Tamara

Over the years I´ve fine tuned my technique by working on several projects and continuing to study on my own. As a result, my work with imagery has evolved and become a driving force. I´ve also written some short stories mainly thrillers and soft horror.
This makes me laugh because the idea is somewhat “creepy”.

My photos and projects are a symbol of my search for life, feelings and happiness. I am always happy to show my work and exchange ideas online, in my publications, exhibitions and lectures.

The trauma which was the driving force behind my search still haunts me but visual arts has guided me this far.

As a child I did not want to become an artist…..the road to which is rocky but the light at the end of the tunnel is now brighter and more tempting.

…and that is something great to look forward to.

Alexander Platz